Porzellan

„Bavaria“-Porzellane

Bei vielen Porzellanstücken, die man heutzutage auf westdeutschen Flohmärkten findet, trägt die Herstellermarke den Zusatz „Bavaria“. Wie kommt‘s?

Verschieden Marken mit dem Zusatz „Bavaria“

Im 19. Jahrhundert lagen die produktivsten Zentren der deutschen Porzellanherstellung in Thüringen, Schlesien, Oberfranken und der Oberpfalz. Durch die Teilung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg hatte der Westteil keinen Zugang mehr zu thüringischem Porzellan. Die thüringischen Firmen wurden meist früher oder später in Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt.

Die Produktionsstätten in Bayern hatten kaum Kriegsschäden erlitten, qualifiziertes Personal auch für den Ausbau der Produktion war genügend vorhanden, allerdings war die Roh- und Brennstoffversorgung beeinträchtigt. Viel Kaolin und Kohle waren aus der Tschecholowakei bezogen worden. Anfangs wurden die noch vorhandenen Vorräte aufgebraucht, danach sorgte die US-amerikanische Besatzung für die Nachschubversorgung aus der Tschechoslowakei, da man in der Porzellanproduktion zudem einen potentiellen wichtigen Wirtschaftszweig sah.

Die Amerikaner bzw. der Army Exchange Service waren zunächst auch Hauptabnehmer der wieder anlaufenden Produktion. Hinzu kam dann der deutsche Markt, da bei Ausgebombten und Geflüchteten ein hoher Bedarf an einfachen nützlichen Porzellanobjekten bestand. Parallel wurden gleichzeitig hochwertig dekorierte Stücke exportiert. Mit den erwirtschaften Gewinnen konnte nach und nach auch für den heimischen Markt anspruchsvollere Ware entworfen und hergestellt werden.

Auch in den folgenden Jahrzehnten des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 1950er und 1960er Jahren erfuhren die bayerischen Produktionsstätten eine gesteigerte Nachfrage. Große Firmen wie Rosenthal (in Selb), Hutschenreuter (u. a. Hohenberg, Selb, Arzberg) oder Goebel (in Rödental) produzierten in Oberfranken. Aber auch die Oberpfalz mit Weiden (die Firmen Bauscher und Seltmann) und Tirschenreuth profilierte sich als Produktionsort.

Marke von Heinrich & Co. aus Selb

Durch die hohe Nachfrage und die hohen Stückzahlen bei den unzähligen Herstellern schmückten Porzellane aus Bayern, also „Bavaria“, fast jede westdeutsche Kaffeetafel.

Schade ist, dass als Folge dieser hohen Produktionszahlen nun die wertgeschätzten, stets gepflegten Service und Dekorationsobjekte nur noch zu einem sehr niedrigen Preis auf dem Sekundärmarkt gehandelt werden. Das ist für die heutigen Besitzer oft enttäuschend. Bietet aber andererseits die Möglichkeit für die jüngeren Generationen, sich qualitätvolle und durchaus stylische Service und Einzelobjekte zu erschwinglichen Preisen für den eigenen Haushalt leisten zu können. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die ostdeutschen Porzellane (Kahla, Lichte, Wallendorf u. v. m.), aber die sind einen eigenen Beitrag wert.

Literaturhinweis:
Wilhelm Siemen (Hrsg.): So fing es an, so ging es weiter. Deutsches Porzellan und deutsche Porzellanfabriken 1945 – 1960. Museum der Deutschen Porzellanindustrie, Hohenberg an der Eger 1988. (Ausstellungskatalog)

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