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Versandetes Wissen?

Im Antiquitätenhandel lernt man jeden Tag etwas Neues dazu. Man bekommt es täglich mit einer Vielzahl unterschiedlichster Objekten zu tun: sei es im Kunsthandelgeschäft oder im Auktionshaus. Man weiß nie, mit welchen Kunstgegenständen die Kund*innen vorbeikommen und was einem zum Kauf oder zur Versteigerung angeboten wird.

In der Regel muss man in diesem Berufsfeld deshalb von allem zumindest ein wenig Ahnung haben. Und man lernt nie aus. Dankbar nimmt man es an, wenn spezialisierte Sammler*innen von ihrem Gebiet erzählen. Man beobachtet Fachhändler*innen bei der Begutachtung von potentiellen Käufen. Und man recherchiert in der verfügbaren Fachliteratur, wenn ein Objekt den Aufwand lohnt oder erforderlich macht.

Man profitiert von den reichen Kenntnissen der Kolleg*innen und Kund*innen. Aber leider passiert es hin und wieder auch, dass auf diesen Wegen falsche Informationen oder überholte und widerlegte Thesen kolportiert werden.

Schreibset aus salzglasiertem Steinzeug,
Westerwald 2. Hälfte 18. Jh., CC 0 aus der Sammlung des Amsterdamer Rijksmuseums
Schreibset aus Zinn,
Niederlande 2. Hälfte 19. Jh., rechts das Sandgefäß, CC 0 aus der Sammlung des Amsterdamer Rijksmuseums

So kursiert beispielsweise hartnäckig die falsche Behauptung, dass der Streusand bei einem Schreibset dazu diene, die flüssige Tinte zu löschen. Richtig ist, dass der Sand eine physische Barriere zwischen den beschriebenen und noch tintenfeuchten Seiten schafft, damit dort die Schrift nicht verschmiert. Zum „Löschen“ gibt es das Löschpapier, dass oft auf einer Löschwiege (auch „Löschwippe“) aufgelegt ist. Sand löscht keine Tinte.

Schreibset aus Silber und Glas von François Marcus Simons, Den Haag 1802, links das Sandstreugefäß, CC 0 aus der Sammlung des Amsterdamer Rijksmuseums

Aber es sind nicht nur die mündlichen Überlieferungen, die mit Vorsicht aufgefasst werden müssen, sondern leider auch vereinzelt Publikationen, bei denen veraltete Annahmen wiedergegeben werden. Und auch in der einen oder anderen Fernsehsendung konnte schon Irritierendes vernommen werden…

Glücklicherweise gibt es aber noch und „nachwachsend“ zahlreiche Spezialist*innen auf den vielfältigen Gebieten der angewandten Künste, die die Forschung vorantreiben und als Ergebnis frische, fundierte Fachtexte publiziert. Meist bündeln sich diese Erkenntnisse allerdings in Fachzeitschriften, fern eines breiten Publikums; im günstigen Fall noch in Ausstellungskatalogen von Museen und Kunstsammlungen. Und peu-à-peu finden diese aktuellen Forschungsergebnisse dann vielleicht ihren Weg zu einem weiter gefassten, interessierten Publikum und den breiter aufgestellten Generalist*innen im Antiquitätenbusiness.

Auch wenn oft Zeit und Muße im Arbeitsalltag erfahrungsgemäß oft fehlen, sollte wir idealerweise versuchten, „dran“ zu bleiben, offen für neue Ergebnisse zu sein und neugierig zu bleiben. „Wissen ist Macht“ und „man lernt nie aus“: Zwei Platitüden in denen dann doch ein paar große Funken Wahrheit stecken. Das eigene Wissen aktuell zu halten, auszubauen und Fehlinformationen auszusortieren ist nicht leicht, lohnt sich aber meines Erachtens auf lange Sicht. Da sind beispielsweise die halb-öffentlichen Online-Vorträge der Fachorganisationen und die Video-Streams der Museen zwei sehr bequeme und willkommene Möglichkeiten, deren dauerhafte Etablierung ich mir für die Zukunft wünsche.

(Das Beitragsbild ist ein Detail aus: Lambertus Lingemann, Eine Konferenz, Öl auf Holz, 1870, signiert und datiert – CC 0 aus der Sammlung des Amsterdamer Rijksmuseums)

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